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druck#2.1 KLIMA_vorher.sagen

(2007)
für Sopran, Altus, Sprecher/Rapper, Kammerensemble,
Klang- und Videoinstallation  (Dauer 01:15:00)
UA Konzerthaus Berlin 28.2. 2008
(in Co-Autorenschaft mit Ralf Hoyer)

druck versteht sich als ein offenes musiktheatralisches Konzept für die Umsetzung aktueller Themen in verschiedenen Besetzungen. In druckbeziehen sich Musik, Text und Szene auf die verschiedenen Aspekte von KLIMA.

Die Basis des Stückes bilden Vorhersagen. Ausgehend von der biblischen Ankündigung der Sintflut entwickelt sich über alltägliche Wetterberichte unserer Zeit, mit leichten Irritationen -19 Grad im Januar? und beinahe unvorstellbare Prognosen für die nächsten Dezennien ein Klima-Krimi-Szenario, welches gleichermaßen bedenklich macht wie fasziniert.

Die ständige Akkumulation von Wissen und Messdaten um die Klimavorgänge findet formale Entsprechungen in Komposition, Szene und Videoebene. Über die gesamte Dauer des Stückes hinweg gibt es ein minimales, aber stetigesAnwachsen, Verdichten und Vervielfältigen der musikalischen Strukturen wie auch Verflechtungen und Überlagerungen verschiedener „atmosphärischer“ Kunstströmungen.
Deutschlandfunk / 3.3.08   20.05 Uhr / Musikjournal Bericht über  die Premiere von  <druck #2.1 KLIMA_vorher.sagen> am 28.2.2008 im Konzerthaus Berlin / Werner-Otto-Saal

Susanne Stelzenbach und Ralf Hoyer favorisieren Musiktheaterprojekte mit aktueller Thematik, die konzeptionell offen und an verschiedenen Orten aufführbar sind… selbstredend stehen Hoyer/Stelzenbach nicht für Naturalismus oder Betroffenheitskunst, sie begeben sich vielmehr auf einen ästhetischen Erkundungsgang der Wissens- und Datenakkumulation…eine gespannte Atmosphäre herrschte im vollbesetzten Saal, ein Klima der Erwartung… die Nachrichten berichten täglich, sie sind zu Repetitionsmaschinen auch der Klimaprobleme geworden… Hoyer/Stelzenbach spiegeln diese Nachrichtenfülle derart, dass sie fast die halbe Komposition ausmacht. Ein Rapper, dauernd beschäftigt, hat Batzen von Material abzutragen… wunderbare Leistungen der Sänger und Instrumentalisten… Hoyer/Stelzenbach haben mit ihrer Komposition einen ersten Schritt getan, es ist eine Gelenkigkeitsübung im Vorhof der Probleme, weitere sind möglich…

‚OKTOBER RAUH JANUAR FLAU’   Barbara Kenneweg zum Textkonzept von „druck#2.1klima_vorher.sagen“

In vorher.sagen werden verschiedene Textarten wie Zeitungsmeldungen, Bibelzitate, Sprichwörter, die mit unserem Klima zu tun haben, miteinander kombiniert. Es entstehen Reibungsflächen und intellektuelle Kurzschlüsse, in denen und über die sich die Musik entfaltet. Eine zentrale Rolle spielen Prognosen – das Bemühen des Menschen, vorherzusehen, was die unberechenbaren Naturkräfte in petto haben. Auch heute, wo Klimaveränderungen in bislang unbekanntem Ausmaß auf menschengemachte Ursachen zurückgehen, vermag keiner zu sagen, was die Folgen sein werden: Treibhaus oder Eiszeit, Wandel oder Katastrophe. Im ersten Teil trifft die biblische Schilderung der Sintflut auf Bauernweisheiten. Zwei denkbar kontrastierende Welten tun sich auf, einerseits der allmächtige Zorn Gottes über die Menschen („Alles was auf der Erde ist soll verscheiden“), andererseits die einfache Bedürftigkeit des Menschen, der von den Früchten der Erde abhängt. Ebenso pragmatisch wie abergläubisch, hilflos wie hartnäckig versucht er, sich einen Reim auf das allentscheidende, unberechenbare Wetter zu machen ‚Oktober rauh, Januar flau’. Teil zwei führt geradewegs in die Gegenwart. Wettervorhersagen, Medienberichte und die namentlich aufgeführten tropischen Depressionen der Hurrikansaison 2006,von Alberto bis Isaac, sind in ein meteorologisches ABC eingefügt. Die Texte werfenin ihrer Unterschiedlichkeit immer wieder Fragen auf: spielen die Eisbären wirklich aus Nahrungsmangel verrückt, oder wird ihr mehr oder weniger natürliches Verhalten durch die Regenbogenpresse zur unterhaltsamen Katastrophe aufgebauscht? Was ist Aufklärung, was Panikmache? Werden wir informiert oder manipuliert? Der dritte Teil schließlich lenkt den Blick in die Zukunft. Die Texte werden hier zunehmend zerhackstückelt und ad absurdum geführt. Zwischen Befürchtung und Zweifel versucht der Mensch, sich ein Bild zu machen, durch die Fotographien in Wochenmagazinen, vor dem Fernseher, am Computer, per Mausklick. Die Menge an Informationen wird immergrößer, ihre Übertragung immer schneller; gleichzeitig entsteht Beliebigkeit. Die Menge an Informationen wird immer größer, ihre Übertragung immer schneller. Der Rezipient findet sich Klima, Natur und Zukunft g egenüber letztlich ratlos – trotz oder wegen dertechnischen Möglichkeiten?